Hoflieferant Johannes Bertl

Von Zuhause für Dahoam

Die Wilhelmsburger Hoflieferanten bereichern Gaumen und Region: sie beliefern die Einzelhändler des Traisentals und mittlerweile schon weit darüber hinaus mit Ihren vielfach prämierten Joghurts, zuckerfreien Aufstrichen, Käse- und Topfen-Kreationen sowie die Volksschulkinder der Region mit bester Schulmilch.

Lesezeit: 10 Minuten

Willkommen am Bertlhof

Der letzte Tag im Juli verspricht ein besonders heißer und guter zu werden. Wir sind im Traisental, um mit Familie Bertl von den Wilhelmsburger Hoflieferanten über ihre Geschichte, Zukunft und guten Geschmack zu sprechen. Dabei lernen wir einen quirligen Familienbetrieb kennen, der mit innovativen Ideen die Region belebt und den Landwirten neue Perspektiven gibt.

Familie Bertl beim gemeinsamen Mittagessen
Johannes führt uns durch den Betrieb

Es ist ein herzliches Kommen und Gehen, während getratscht, gekostet und gelacht wird. Zuerst plaudern wir mit Bettina, der Freundin von Junior-Chef Hannes und Leiterin des Büros, die sich erst in die Joghurts der Wilhelmsburger Hoflieferanten und später in Hannes verliebt hat. Später gesellt sich Oma Leopoldine zu uns, die sich als Älteste um die Jüngsten am Hof, die Kälber, kümmert. Für das leibliche Wohl von Gästen, Mitarbeitern und Familie ist Dette, Hannes‘ Schwester, zuständig. Wie die Hoflieferanten setzt auch sie auf Regionalität. Und schließlich kommt Hannes, der Herr des guten Hoflieferanten-Geschmacks und der Käserei. Mit ihm machen wir den Hofrundgang und treffen auf Mama Antonia, die trotz Gluthitze am Backofen werkt. Einer ist heute leider unterwegs: Franz Bertl, Mitbegründer der Wilhelmsburger Hoflieferanten. Dafür reden wir die ganze Zeit über ihn, oder besser gesagt über seine zündende Idee im Jahr 1995.

Johann Graßmann und Franz Bertl 1995 mit den ersten Chargen der Hoflieferanten

Eine Idee, die die Region veränderte

Die haben Franz Bertl und Johann Graßmann kurz vor dem EU-Beitritt Österreichs. Die Landwirte blicken in eine ungewisse Zukunft. Nur eines ist gewiss: Die Milchpreise werden weiter sinken, ein Umdenken ist gefragt. Darum unternehmen Franz und Johann eine Exkursion nach Frankreich. „Über 200 Kühe standen dort auf den Höfen“, erzählt Bettina. Bertl und Graßmann spürten sofort, dass das nicht der Weg ist, den sie gehen wollen. „Nicht in der Größe zu wachsen, sondern in der Qualität. Des muass des Ziel sein“, so die Vision von Hannes Bertl. Also organisieren sie sich, errichten eine Molkerei am Bertlhof und bewirtschaften ihre kleinstrukturierten Bauernhöfe mit maximal 40 Kühen in gewohnter Manier weiter.

„Nicht in der Größe zu wachsen, sondern in der Qualität. Des muass des Ziel sein.“

Der historische Innenhof des Weingutes
Der Grüne Veltliner Gaisberg 2015 reift im Fass
Uschi im Weinkeller

Mehr Wertschöpfung, mehr Wertschätzung

Es war ein glücklicher Zufall – oder eine Fügung – dass die großen Molkereien zeitgleich die Schulen nicht mehr beliefern wollten. Die Lehrer gingen proaktiv auf die Hoflieferanten zu – und wurden zum ersten großen Kunden. Heute beliefern die Hoflieferanten über 100 Schulen und Kindergärten mit Schulmilch. Seit damals sind mehr als 20 Jahre vergangen. Sechs Höfe bringen mittlerweile ihre Milch in die Gemeinschaft ein. Ob sie die Milch zu Käse, Topfen, Aufstrichen oder Joghurts veredeln, entscheiden sie selbst. Danach richtet sich die Gewinnspanne. Dass sie bei den Hoflieferanten höhere Milchpreise und damit auch mehr Wertschöpfung und -schätzung als anderswo bekommen, steht außer Frage. Dass damit der Beruf für nachfolgende Generationen wieder attraktiver wurde, freut Bertl: „Wennst dei Milch ned selbst veredelst, kummt kana und sogt dir, wie guat dei Arbeit schmeckt“, sagt Hannes. Er versteht, warum heimische Milchbauern – nicht nur wegen der Milchpreise – frustriert und antriebslos sind. „Du musst was drauß machen. Wennst ka Produkt draußen hast, konnst ka Lob kriagn. Dabei is des so wichtig.“

Jede Kuh hat einen Namen

Lob und Wertschätzung erfahren am Bertlhof auch die Kühe. Wie im 5-Sterne-Hotel leben sie hier. Verdient, denn schließlich wären ohne sie die Hoflieferanten-Spezialitäten nur eine schöne Idee. Im Laufstall und auf der „Joggingweide“ genießen sie viel Freiraum und mit der Wellnessbürste gibt’s regelmäßig Massagen. Jedes Tier am Hof hat einen Namen, die Kühe leben mit im Bauernhaus, nur eine Tür trennt die Bertls von ihren fleißigen Mitbewohnern.

„Des is beim Käs wie beim Wein, der jo a den Boden, also die Region, im G’schmack hat“

Die Frischkäse-Chili-Marillenroulade
Goaßkas als Hartkäse und Camembert
Schwester Dette schupft den Hofladen
Die Joghurts ohne Zuckerzusatz mit Früchten aus der Region
Veredelter Käse ist eine Spezialität der Hoflieferanten

So schmeckt das Traisental

Gleichbleibende Qualität und Geschmack sind laut Johannes Bertl das Um und Auf. Darum werden alle Partner und Mitarbeiter genauestens in der Molkerei eingeschult und von Hannes im Käsen unterrichtet. Alle Zutaten stammen aus der näheren Umgebung, die Früchte fürs Joghurt von Vertragsbauern ums Eck, das Rezept dazu von der Oma. „Wir ham vül gekostet, aber de san wirklich de allerbesten g‘wesen“, sagt Hannes etwa über die Wachauer Marillen, die „rein preislich a absolute Fehlentscheidung, geschmacklich oba ein Muss“ sind. Für ganze zwei Jahre wird bei den Ressourcen vorgesorgt. „Wir kennan des von de Marülln. Dann hast an Hagel, da muasst die eindecken.“ Diesen Qualitätsanspruch schmeckt man auch. Das Naturjoghurt „Wachauer Marille“ wurde von Falstaff zum Besten aus 20 Einreichungen gewählt und mit Gold bei der Kasermandl-Verleihung ausgezeichnet. Die Fruchtjoghurts der Hoflieferanten bestehen ausschließlich aus heimischen Zutaten, ganz ohne zusätzliche Aromen natürlich, erklärt Hannes. Noch mutiger: Die Chili-Marillen-Roulade aus Ziegenmilch, deren Chili-Schärfe von Richie Fohringers Fireland Foods aus St. Pölten kommt. Sie wurde auf der „Ab Hof“ in Wieselburg zum innovativsten Produkt aus über 600 Einreichungen gewählt; Insgesamt erhielten die Wilhelmsburger Hoflieferanten bei diversen Wettbewerben bereits 14 Gold- und Silbermedaillen für ihre Produkte.

Johannes bei der Stallinspektion

„Man muass sich selber wos trau‘n, damit ma wos schafft. Und ned auf die Miesmacher hören."

Gemeinsam für Dahoam

Die Hoflieferanten sind mittlerweile ein wichtiger Arbeitgeber im Traisental. Gerne für Frauen, die flexibel sein müssen, um Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen. „Wir ham 14 Mitarbeiter“, erzählt Dette. „Viele davon san Frauen, die olle Teilzeit bei uns arbeitn, damit genug Zeit für die Familie bleibt.“ Auch in Dettes Küche wird übrigens regional gekocht wird. Dass das unheimlich gut schmeckt, beweisen die Hofgäste: Dieses Jahr werden gleich dreimal mehr bei ihr essen als im Vorjahr. Um den erhöhten Energiebedarf zu decken, soll künftig eine Photovoltaikanlage am Dach des Kuhhotels den Betrieb und die Region mit Strom versorgen, nächstes Jahr sollen bereits hofeigene E-Autos damit fahren. „A des solln unsere Besucher sehn: So afoch und ergiebig is es, Strom für an selbst und die Region zu erzeugen.“

„Wir san schon olle Alphatiere, da musst schon wissen wo bei jedem die Grenzen sind. Des gemeinsame Mittagessn is deshalb für uns wichtig. Einfach zum z´samm sein.“

Oma Leopoldine und Schwester Bernadette
Bettina arbeitet im Marketing, und legt Hand an, wo es nötig ist
Hofhund Fritz, der heimliche Chef
Die Alpakas holen sich ihre Kuscheleinheiten
Antonia gibt auch Brotbackkurse

Die Schule am Hof: Für Genießer, Kollegen und Kinder

Am Bertlhof teilt man Wissen und lebt transparent. Ob in ihrer Arbeit, beim Fachsimpeln oder unter Nachbarn. „Do is des Ziel, dass man des Handwerk wieder selbst lernt – wie geh‘ is an, wos brauch i dazua“, erzählt Bettina über den Fachaustausch mit anderen Landwirtinnen und Landwirten. Neben den Führungen für Interessierte und Kollegen kann man bei Mama Antonia Brotbackkurse belegen. „Die meisten wundern sich, dass Brot backen so leicht geht“, erzählt sie und freut sich, wenn das alte Wissen wieder in den Küchen von heute Einzug hält. Wer das Käsen lernen will oder mehr über die Molkerei erfahren möchte, der ist bei Hannes richtig. Seine Käser-Kurse sind beliebt – und sehr schnell ausgebucht. Und: Alle Hoflieferanten-Schulmilch-Klassen kommen einmal im Jahr zu Besuch und bekommen einen Einblick ins Bauernhofleben. Wer glaubt, dass die Frage nach der lila Kuh eine Legende ist, der irrt. „Leider. Oba darum moch ma des jo a“, sagt der Junior-Chef. „Und des ned nur für unsere Schulmilch-Klassen sondern für olle, de kommen wolln.“

Kontakt

Für diejenigen, die sehen wollen, wo´s herkommt: Hofbesichtigungen sind jederzeit nach Anmeldung möglich. Die Köstlichkeiten der Hoflieferanten kann man vor Ort im Hofladen kaufen – eine große Auswahl ist aber auch im Einzelhandel erhältlich.

Wilhelmsburger Hoflieferanten
Pömmern 4
3150 Wilhelmsburg
Tel: +43 2746/76 300
https://www.hoflieferanten.at/

Text: Magda Bauer/Büro Bauer&Band
Bilder: alle Magda Bauer, außer Foto Johannes Graßmann und Franz Bertl und Produktfoto Joghurts (zVg. Wilhelmsburger Hoflieferanten)

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