Die Barocksolisten München

(c) Fred Lindmoser

Von Baumkronen und Bodenhaftung

Früher ist Heribert Pfeffer stundenlang durch den Wald gestreift ohne ein Wort zu sagen. Heute spricht er über die Schönheit der Natur, erklärt ökologische und historische Zusammenhänge und hat etliche Geschichten über den Ötscher im Gepäck.

13. Juni 2019

Lesezeit: 10 Minuten

Heribert Pfeffer war früher Berufsjäger

(c) Fred Lindmoser

Unweit vom Naturparkzentrum Ötscher-Basis ist Heribert Pfeffer aufgewachsen. Früher hat er hier in den Wäldern als ehemaliger Berufsjäger fast jeden Tag verbracht – heute ist er in Pension und führt als Naturvermittler und Pilgerbegleiter Wanderer durch seine Heimat. Meistens in Kleingruppen von rund 10 Personen, auch wir haben uns einer Wanderung auf den Kaiserthron angeschlossen und starten um Punkt 10 Uhr vormittags vom Naturparkzentrum Ötscherbasis. Es schaut verdächtig nach Regen aus und irgendwie wirkt der Ötscher mit seinen 1.893 Metern heute noch mächtiger als sonst. Heribert kennt jeden Winkel im 170 Quadratkilometer großen Naturpark, dem größten in Niederösterreich, genauso wie unzählige Geschichten, die sich rund um den majestätischen „Vaterberg“ ranken. Lässig an seinen Bergstock gelehnt, strahlt unser Guide eine Ruhe aus, die ansteckend ist. „Als Menschen haben wir immer die Entscheidung zu warten, bis besseres Wetter kommt – oder man kann auch einfach los gehen“, meint er spitzbübisch und stapft dem Berg entgegen. Mit leicht skeptischen Blicken Richtung Himmel folgen wir ihm.

„Nur ein Pessimist steht im Regen, ein Optimist erkennt die Möglichkeiten!“

Pause unter uralten Bäumen

(c) Fred Lindmoser

„Wenn in der Früh ein Donnerwetter ist, geht das Wetter zehn Mal über die Alm“, zitiert er noch eine alte Bauernweisheit, bevor wie aufs Stichwort die ersten Tropfen herabfallen. Wir suchen also erst einmal Schutz unter alten Bäumen mit riesigen Baumkronen und genießen die gute frische Luft und die Ruhe des Waldes.

Von Unterwasser-Vögeln und Holzknechten

Heribert erzählt uns von Flora und Fauna der Ötschergräben. Dabei erfahren wir, dass zwischen den schroffen Kalksteinwänden etliche Tiere zuhause sind, die besonders das klare Wasser der Bergregion zu schätzen wissen. „Ganz besonders für diese Gegend ist die Wasseramsel“, erklärt der Naturvermittler. Nirgendwo sonst wurde das seltene Tier so oft gesehen wie hier: „Die taucht ned, die rennt streckenweis´ am Boden der Seen herum und sucht Käfer.“ Dass sich hier die Tierwelt wohlfühlt, sieht und spürt man auf den ersten Blick. Dichtes Grün legt sich sanft über das schroffe Gestein, das Rauschen des Wassers ist unser ständiger Begleiter. „Zu Maria Theresias Zeiten“, erzählt Pfeffer, „haben sich hier protestantische Holzknechte angesiedelt.“ Über den Wasserweg transportierten sie das Holz durch elf Klausen Richtung Erlaufsee. „Auf den Wegen, auf denen die Knechte ihre Baumstämme talwärts begleiteten, wandern wir heute.“

Naturparkzentrum Ötscher Tormäuer

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Der Ötscherbär ist das Maskottchen des Naturparkes

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Gehen in kleinen Gruppen

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Regenwolken hängen in den Bergen

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Wasserfälle

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„Das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber man kann von der Natur viel übers Leben lernen. Zum Beispiel, dass Gras auch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Lieber sollen wir der Natur beim Wachsen zusehen. Geduld und Gelassenheit lehrt sie uns. Und die Vielfalt des Lebens.“

Der Regen macht eine Pause – und für uns geht es weiter. Wir gehen in Kleinstgruppen und streckenweise alleine. Und während wir wandern, stellt sich dann auch die meditative Wirkung des „einfach Gehens“ ein, wie Pfeffer es nennt. „Wer rennt, siacht nix“, ermahnt er uns immer wieder. So passen wir uns dem gemächlichen Lauf der Natur an, lassen bewusst den Alltag hinter uns und genießen das Hier und Jetzt. Inmitten der fast dschungelartigen Kulisse fällt das aber auch nicht schwer.

Die mächtige Bergwelt des Mostviertels

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"No WIFI im Naturpark, aber viel Zeit fürs Wesentliche“

„Bei uns im Naturpark spielt Zeit keine Rolle.“ Heribert erzählt uns, dass sich seine Gäste wieder mehr nach der Einfachheit des Lebens sehnen. Jahrelang war es modern, ständig erreichbar und immer verfügbar zu sein. Nach wie vor plagt manchen Erholungssuchenden die Angst vor dem Funkloch. Den meisten fällt es schwer, das Handy im Rucksack zu lassen. „Viele suchen die Ruhe. Wenn sie sie dann finden, können sie nicht damit umgehen. Hat das Handy eine halbe Stunde keinen Empfang, zucken manche aus.“ Bei diesem Thema schwingt Pfeffersche Besorgnis mit. Er spricht viel vehementer als sonst. „Man muss nicht permanent verfügbar sein für jeden. Es ist ganz wurscht, was du gerade machst. Es hat niemanden zu interessieren, ob du hier auf dem Baumstumpf sitzt oder sonst wo. Unsere Gesellschaft ist geprägt von Tätigkeits- und Leistungsnachweisen.“ Hier im Wald herrscht kein Druck. Außer man macht ihn sich selbst.

Die besten Gespräche liegen am Weg

Druck, Leistung, Ausgleich und Rückbesinnung sind immer wieder Themen beim Wandern, so Heribert, sei es hier am Berg oder auf der Via Sacra, wo er als Pilgerbegleiter Sinnsuchenden den richtigen Weg von Mariazell nach Wien zeigt – und manchmal auch im Leben. „Je länger ich Jäger war, desto demütiger bin ich geworden. Da kannst du noch so den Machatschek spielen, Dinge passieren – oder eben nicht“. Spaziergänge und Wanderungen sind für den Naturvermittler aber ohnehin mehr als von A nach B zu gelangen. „Man läuft sich den Kopf frei“, sagt er. Und Recht hat er. Schon längst denkt keiner mehr übers Gehen nach. Wir sammeln spannende Eindrücke, geben uns streckenweise der tiefen Ruhe hin und plaudern über Gott und die Welt. Das ist es wohl auch, was man die „Leichtigkeit des Seins“ nennt.

Wandern über Wiesen

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„Am Ende hab‘ ich mindestens genauso viel von meiner Gruppe gelernt, wie die von mir.“

Vom Sonnawend-Hansl, der bosnischen Spur und liebenswerten Weggefährten

Viele weitere Geschichten hat er noch auf Lager. Auf seinen Bergstock gestützt, erzählt er auch von seinen Touren und den verschiedenen Menschen, die er dabei kennenlernen darf. So ist noch kein Kind ohne eigenen Bergstock wieder nachhause gefahren – wurscht ob’s ein dürres Astl oder ein schwerer Prügel war. Das beste Knödelteigrezept hat ihm einmal eine Wanderin mitgegeben und viele seiner Gäste überraschen ihn mit großem Pflanzenwissen. Auch da kann er mitreden und zeigt auf eine Grasnelke: „Da Volksmund tauft die Pflanzen nach der Jahreszeit, in der sie blüh‘n. Drum heißt die Grasnelke bei uns „Fronleichnams-Blümel“ und der Waldgeistbart ist der „Sonnawend-Hansl“, eben weil er zur Sommersonnenwende blüht", erfahren wir. Aber auch von der Mariazeller Bahn und deren bosnische Spurbreite mit 760 mm weiß er fesselnd zu erzählen, da wird dann auch die geschichtsträchtige Vergangenheit der Region auf einmal wieder lebendig.

Am Gipfel der Erkenntnis

Von der Erlaufklause durch die Ötschergräben, beim Kraftwerk Stierwaschboden hinauf zum Lassingfall, geht es nach der Brücke über einen schmalen Waldpfad bevor man schließlich nach erstaunlich kurzer Zeit den Kaiserthron erreicht. Wir sind an schroffen, tiefen Schluchten, bizarren Felsformationen und reißenden Wasserfällen vorbeigekommen. An idyllischen Lichtungen und üppig blühenden Blumenwiesen. Wir haben das beste Bergwasser getrunken und wahrhaft majestätische Ausblicke genossen, immer den Ötscher im Blick. Sprachlos und glücklich macht es einen, das Gehen in einer so schönen Natur. Und ja, der Blick vom Kaiserthron ist wahrhaft kaiserlich!

Kontakt

Wer jetzt Lust auf eine Tour in die Ötschergräben bekommen hat: Heribert und seine Naturvermittler-Kollegen im Naturpark Ötscher-Tormäuer bieten während der Saison geführte Wanderungen mit verschiedenen Schwerpunkten an.

Naturparkzentrum Ötscher-Basis
Langseitenrotte 140
3223 Wienerbruck
T +43 2728/21 100
www.naturpark-oetscher.at/naturvermittler

Fotos: credits jeweils im Bild Interview: Sandra Simeonidis-Huber

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