Das Dampfross, wie die 109.13 im Volksmund genannt wird

Ruß und Rauch

Von der Glut im Herzen und im Kessel, von Menschen, die unter Dampf stehen, und Maschinen, die Seele zeigen: Mit viel Einsatz kümmern sich Museumskurator Rupert Gansterer und rund 100 weitere freiwillige Mitarbeiter im Eisenbahnmuseum Strasshof um die Veteranen der Schiene.

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Wie eine Höhenlinie folgt die Diepolzer Kellergasse der Landschaft

Für ihre über hundert Jahre ist die 109.13 noch sehr rüstig. 90 km/h schafft sie und kommt dabei ordentlich ins Schnaufen. Durstig ist sie, und vor allem sehr hungrig: Alle 100 Kilometer braucht sie rund 17.000 Liter Wasser und bis zu drei Tonnen Kohle. Und dabei gehörte das Südbahn-Rennpferd, wie die 109.13 damals, kurz vor dem 1. Weltkrieg, vom Volksmund liebevoll genannt wurde, noch zu den genügsamsten Schnellzuglokomotiven ihrer Zeit. Vor allem aber zu den schnellsten: „Mit ihr ließ sich die Reisezeit zwischen Wien und Triest immerhin von 13,5 auf 10,5 Stunden verkürzen“, so Rupert Gansterer. Die 109.13 – so der korrekte und etwas prosaische Name unseres Rennpferds – ist eine waschechte Niederösterreicherin. 1912 in der Lokomotivfabrik Wiener Neustadt hergestellt, fuhr sie zunächst auf der Südbahn und verbrachte ihre letzten Dienstjahre von 1953 bis 1967 in Amstetten. Heute ist die 109.13 im Eisenbahnmuseum in Strasshof zuhause, wo sie auf das sorgsamste gehätschelt und in Stand gehalten wird. Schließlich gibt es nicht mehr viele ihrer Art, drei sind es nur noch, und nur mehr zwei davon betriebsbereit.

„Zu unseren größten Schätzen zählt sicherlich das Ambiente. Wir versuchen, da möglichst authentisch zu bleiben.“

Direkt in die Lösswand gegrabene Keller


Hochkarätige Stallgenossen

Ihren Stall teilt die 109.13 mit so manch weiterem prominenten Zugpferd. In der großen Halle – dem sogenannten Heizhaus – steht sie beispielsweise gerade vor der 17c372, ihrem Vorgängermodell auf der Südbahn, das heute die älteste betriebsfähige Schnellzuglokomotive Österreichs ist. Vor ihr am Gleis steht die 30 33, die als „30er-Bock“ auf der Wiener Stadtbahn unterwegs war, dort wo heute die U6 und die U4 fahren. Gleich daneben sieht man die 310.23 mit ihren imposanten, 2,14 m (!) großen Rädern, die auf der Nordbahn und der Franz-Josef-Bahn im Dienst war. Insgesamt präsentiert das Eisenbahnmuseum Strasshof rund 400 historische Schienenfahrzeuge, neben Dampflokomotiven aus den Baujahren 1868 bis 1973 auch Diesel- und Elektrotriebwagen, aber auch Waggons wie einen Schlafwagen aus dem Jahr 1907, einen Lazarettwagen aus dem 1. Weltkrieg oder den Salonwagen, mit dem die österreichischen Bundespräsidenten von 1966 bis 1996 unterwegs waren.

Zweiflügelige Eingangstür
Kellergasse Wildendürnbach
Regenwolken hängen in den Bergen
Gehen in kleinen Gruppen
Im Weberkeller Röschitz dient der Löss als Leinwand für geschnitzte Kunstwerke

„Obwohl sie bärenstark ist, gehörte die 109 mit ihren 1320 PS nicht zu Ackergäulen ihrer Klasse, sondern – da hatte der Volksmund durchaus recht – eher zu den grazilen Rennpferden."

Eingebettet sind die Fahrzeuge in einen einmaligen Eisenbahn-Kosmos: Das erst 1953 fertig gestellte Heizhaus in Strasshof war sozusagen die gute Stube der Dampflokomotiven. Hier wurden einst ihre Kessel für den Betrieb angeheizt, und auch kleinere Reparaturen an den Loks vorgenommen. Die Halle war damals die modernste ihrer Art und besitzt große Glasoberlichten, die das Innere in ein magisches Licht tauchen. Es riecht nach Öl, nach Ruß und vor allem nach Dampf, der in dichten Wolken von den Rauchfängen der Loks ausströmt und nur teilweise von den metallenen Abzugsrohren, die wie riesige Finger von der Decke hängen, aufgenommen wird. „Die Sammlung des Museums gehört sicherlich zu den größten und wertvollsten in ganz Europa“, erzählt Rupert Gansterer. Das riesige, 16 ha große Areal des Museums beherbergt nicht nur spektakuläre Fahrzeuge, sondern auch eine ganze Reihe von – auf den ersten Blick – unscheinbaren Schätzen. Etwa eine Sammlung von renovierten Signalen, eine im Aufbau befindliche Stellwerk-Sammlung; original erhaltene Schilder, Uniformen, Fahrkarten sowie ein beachtenswertes Archiv.

Im Bauch der Erde

„Man könnte fast sagen, dass die Lok eine Seele hat.“

Vom Heizhaus zum Museum

Während der Elektrifizierung des Bahnbetriebs wurde die Anlage in Strasshof schließlich zum letzten Refugium für viele Dampflokomotiven. Das Heizhaus samt Infrastruktur – darunter der Wasserturm, die Kohlenaufzüge und Wasserkräne, die große Drehscheibe mit 23 m Durchmesser sowie die großflächig angelegte Schienenanlage – wurden vom 1. Österreichischen Straßenbahn und Eisenbahn Klub (1.öSEK) übernommen. Der Verein wurde 1973 eigentlich gegründet, um bei extra organisierten Sonder- und Nostalgiefahrten noch ein letztes Mal Fotos und Filme von Schienen-Oldtimer machen zu können. Sehr bald schon wurde der Fotoapparat aber durch den Schraubenschlüssel ersetzt, die Aufgaben und die Anzahl der betreuten Oldtimer wuchsen, zu guter Letzt gründete der Klub 1984 auf dem Gelände in Strasshof das Eisenbahnmuseum.

Alles Einsteigen, bitte!

Die rund zehn Dampfbetriebstage, bei denen die historischen „Schnauferln“ eingeheizt und ausgeführt werden, sind sicherlich die Höhepunkte im Museumsjahr. Bei dieser Gelegenheit kann man auch als Besucher im Führerstand mitfahren und nicht nur den rauchigen Fahrtwind spüren, sondern auch dem Flair einer längst vergangenen Zeit nachspüren. Für Kinder sind die Fahrten neben Lokführer und Heizer ein richtiges Abenteuer! Und wer sich noch nicht zu den großen Dampfrössern traut, für den gibt es zwei Modellbahnanlagen, eine Modelltruckanlage und vor eine besonders aufwendig gestaltete Gartenbahn. Hier, sagt Rupert Gansterer, habe schon so manche Nachwuchskarriere im Eisenbahnmuseum begonnen. „Als 8-jähriger mit der Gartenbahn fahren, als 16-jähriger bei den Lokomotiven mitarbeiten, mit 21 die Kesselwärterprüfung machen und als Heizer mitfahren“ – so ungefähr sieht laut Rupert die Ideallaufbahn in Strasshof aus.

Einfachste Formen mit den einfachsten Materialien

(c) Weinviertel Tourismus/Wurnig

„Wie lange ich brauche, um mich nach dem Dienst zu waschen? Eine gute halbe Stunde, mindestens!“ Thomas Haindl, Mechaniker im Museum

Dem Bahnvirus verfallen

Rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter 30 Mechaniker, halten in Strasshof das Museum und die Fahrzeuge am Laufen. „Die meisten von uns sind ehemalige Besucher, die vom Bahnvirus angesteckt wurden“, meint Rupert Gansterer, dem es übrigens genauso ergangen ist – als Besucher ist er gekommen, als Mitarbeiter geblieben. Seine Vereinskollegen kämen aus den verschiedensten Berufen, erzählt Rupert und ad hoc fallen ihm Landwirte, Ärzte, Elektrotechniker, Tischler, Schlosser, Bundesheerangehörige, Architekten und Manager ein. Ein gutes Drittel sind Jugendliche, die in Schulen oder im Beruf in Ausbildung sind. So wie zum Beispiel Thomas Haindl, 16 Jahre alt, der aufs TGM im 20. Wiener Gemeindebezirk geht und im Eisenbahnmuseum zu den Mechanikern gehört. Schon nach seinem ersten Besuch mit vier Jahren wusste er, „dass ich einmal Dampflokomotiven fahren möchte!“ erzählt Thomas. Fast jedes Wochenende verbringt er im Heizhaus und hilft, die alten Dampfrösser in Schuss zu halten. Ihm zur Seite stehen erfahrene Männer wie Josef Umgeher, der schon seit 1974 im Verein dabei ist. Er ist einer der wenigen Mitarbeiter, die auch im Brotberuf bei der ÖBB arbeiten, wo er als Prüftechniker für Signalanlagen tätig ist. Im Eisenbahnmuseum ist er allerdings Chefmechaniker und Lokführer der 109.13 – womit wir wieder beim Südbahn-Rennpferd sind.

Heurigenstimmung in der Kellergasse Falkenstein

Ein paar Mal im Jahr darf die 109.13 im Rahmen von Dampftagen oder Nostalgiefahrten raus aus dem Heizhaus und bei Ausfahrten frische Luft schnuppern. Der Aufwand, um das alte Rennpferd einsatzbereit zu halten, ist beträchtlich: Rund 500 Arbeitsstunden sind für die Instandhaltung einer Dampflok im Jahr nötig. Nicht eingerechnet sind gröbere Reparaturen, die letzte der 109.13 nahm fast 8000 Stunden in Anspruch. „Als Faustregel gilt: Einen Tag fahren, zwei Tage instand halten“, meint Josef der Mechaniker. Vor der Fahrt müssen massenhaft Kohle und Wasser aufgenommen werden. Zwölf Stunden vor dem Abfahrtssignal muss der Kessel eingeheizt werden, bis der Wasserdampf auf 200 °C erhitzt ist und im Kessel ein Druck von 12 bar herrscht. Wenn Josef bei den Ausfahrten als Heizer dabei ist, schaufelt er pro Schicht mehrere Tonnen Kohle vom Tender in die Feuerbüchse. Daneben muss er aber immer auch ein wachsames Auge auf Kesseldruckmanometer, Wasserstandsanzeiger und die Strecke haben. Und das alles bei 40 °Celsius, allerdings nur nach vorne zur Feuerbüchse hin. Im Winter kann es im nur halbüberdachten Führerstand recht frisch werden, dann fühlt man sich vorne wie ein Grill- und hinten wie ein Tiefkühlhendl, erzählt Josef.

Heurigenstimmung in der Kellergasse Falkenstein

Männer und ihre Maschinen
Ganz bewusst stellt das Eisenbahnmuseum seine Schätze nicht unter Glassturz. Zum einen, erzählt Rupert, tut das Herumstehen den Maschinen gar nicht gut. Es kommt zu sogenannten Stehschäden – was rastet, das rostet halt. Zum anderen hält man die Loks in Betrieb, um Wissen und Handwerk weiterzugeben. Viele der Mechaniker verbringen nahezu jedes Wochenende im Heizhaus und investieren im Jahr Hunderte von Stunden in ihr Hobby. Ölverschmiert und dampfgeräuchert erzählen sie vom Lokvirus und der Faszination der reinen, elektronikfreien Technik. Peter Sens, der wie Josef Umgeher schon seit Anbeginn beim Verein ist und als Lokführer bei der ÖBB arbeitet, erklärt das so: „Du musst viel Feingefühl zeigen, was nicht jeder aufbringt, und zur Maschine eine Beziehung aufbauen. Alles, was du für sie machst, gibt sie dir 1:1 wieder. Wenn du ihr Gutes tust, ist sie brav, wenn du Fehler machst, wird sie bockig. Man könnte fast sagen, dass die Lok eine Seele hat. Und ich glaube, sie mag uns auch!“ Heftiges Nicken von den anderen Mechanikern, die dann auf die Ausfahrt am nächsten Tag anstoßen: „Auf dass die Puppe morgen brav ist!“

Kontakt

Ein Besuch des Eisenbahnmuseums Strasshof ist eine Reise in die große Vergangenheit der österrieichischen Eisenbahngeschichte.


Eisenbahnmuseum "Das Heizhaus" Strasshof
Sillerstrasse 123
2231 Strasshof An Der Nordbahn
www.eisenbahnmuseum-heizhaus.com

Text: Wolfgang Gemünd
Fotos: Manfred Horvath

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