Ein blühendes Mohnfeld im Waldviertel

(c) Waldviertel Tourismus/ Studio Kerschbaum

Ein Leben für den Mohn

Heute kann man sich die Waldviertler Küche ohne den Mohn gar nicht vorstellen. Kaum zu glauben, dass noch vor 40 Jahren der Anbau fast zum Erliegen kam. Dass dem nicht so ist, könnnen sich Johann Neuwiesinger und die Bevölkerung von Armschlag auf die Fahnen schreiben.

11. Juli 2019

Lesezeit: 10 Minuten

Mohn in der Hochblüte
Schon seit dem frühen Mittelalter kultivierten die Mönche im Waldviertel den Graumohn, einerseits um aus seinem milchigen Saft Schlaf- und Heilmittel gegen Schmerzen zu gewinnen, und andrerseits um aus dem Öl Brennstoff für das „Ewige Licht“ in den Kirchen herzustellen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts zählte man im Waldviertel an die 1.200 ha Mohnäcker. Die Beliebtheit des Waldviertler Graumohns reichte bis weit über die Grenzen: Bis Anfang der 1930er Jahre notierte er sogar an der Londoner Handelsbörse. Doch in den Nachkriegsjahren ersetzten viele Bauern den arbeitsaufwändigen Mohn durch weniger arbeitsintensive und ertragreichere Nutzpflanzen. In Armschlag zum Beispiel kam der traditionelle Anbau von Graumohn fast völlig zum Erliegen.

Am 13. Juni 1997 wurde der Mohn als „Waldviertler Graumohn g.U.“ registriert, eine geschützte Ursprungsbezeichnung, die dem Produkt höchste Qualität bescheinigt.

Kammersänger Michael Schade in der Stiftsbibliothek

(c) Waldviertel Tourismus/ Studio Kerschbaum

Als schließlich der Mohn im Waldviertel zur Rarität verkam, wurde Anfang der 80er-Jahre der Anbau stark gefördert. So fanden sich auch in Armschlag einige Bauern, die es wieder mit dem Mohn versuchten. Den entscheidenden Impuls, sich als ganzes Dorf der Pflanze zu widmen, ging vom Dorfwirten aus. Schon von seinem Vater hatte Johann Neuwiesinger gelernt, dass man dem Wirtshaus mit Innovationen neuen Schwung verleihen kann: Als in den 60er-Jahren eine neue Umfahrung Gästezufluss abzudrehen drohte, ließ Johann Neuwiesinger sen. im Haus drei Kegelbahnen errichten, die frisches Publikum ins Wirtshaus spülten.

Der Stiftsinnenhof des Benediktinerstiftes Melk

(c) Waldviertel Tourismus/ Studio Kerschbaum

Rund 30 Jahre später, als die Abwanderung dem Dorf und dem Wirtshaus zu schaffen machten, hatte der Sohn die Idee, ein Themendorf rund um den Mohn zu entwickeln. „Das Konzept sah von Anfang an vor, dass die Besucher nicht nur Mohnprodukte konsumieren, sondern auch Information zu Anbau und Weiterverarbeitung bekommen sollten“, erinnert sich Johann Wiesinger an die Anfänge. Und Edith Weiß, die als Obfrau des Mohndorfs die Aktivitäten koordiniert, ergänzt: „Dadurch, dass alle Einwohner aus dem Dorf gleichzeitig Mitglieder beim „Verein Mohndorf“ sind, hat sich der Zusammenhalt sehr gut entwickelt.“

Die prächtige Kirche des Benediktinerstiftes Melk

(c) Waldviertel Tourismus/ Robert Herbst

"Etwas, an dem man gemeinsam arbeitet, schweißt enorm zusammen."

Ein Dorf blüht auf

Aus dem Wirtshaus Neuwiesinger wurde schließlich 1989 der Mohnwirt Neuwiesinger und aus Armschlag das Mohndorf Armschlag. In den ersten Jahren wurden ungefähr vier bis fünf Hektar Mohn angebaut, gegenwärtig sind es gut 15 Hektar. Wurde früher der Mohn nur an Großhändler verkauft, bieten die Landwirte heute den Mohn und die weiterverarbeiteten Produkte hauptsächlich „ab Hof“ oder im Bauernladen im Ort an und erzielen so natürlich auch bessere Preise. Durch das Dorf führt ein Mohnlehrpfad, ein Mohngarten und auch die Gärten der Armschlager sind ganz dem „Mogn", wie die Waldviertler ihren Graumohn umgangssprachlich nennen, gewidmet.

Il Suonar Parlante

(c) Waldviertel Tourismus/ Studio Kerschbaum

Der Stiftsinnenhof des Benediktinerstiftes Melk

(c) Waldviertel Tourismus/ Studio Kerschbaum

Der Stiftspavillon im barocken Garten

(c) Niederösterreich-Werbung/ Rita Newman

„Ich kann mir ein Leben ohne Mohn gar nicht mehr vorstellen!"

Mohn das ganze Jahr ...
Die Armschlager inszenieren ziemlich unaufgeregt den Mohn das ganze Jahr über: bis zu 40.000 Besucher sind es derzeit, die sich den Tag des Mohns im März, die prachtvolle Mohnblüte im Juli, den Mohnstrudelwandertag im August oder das Erntedankfest im September nicht entgehen lassen wollen.


... und in allen Variationen
Der Mohnwirt ist heute das kulinarische Epizentrum der neu erwachten Mohnkultur im Waldviertel. Hat am Anfang noch seine Mutter geholfen, nach alten Rezepten, die er selbst nicht mehr kannte wieder Mohnzelten zu backen, haben Johann Neuwiesinger und Gattin Rosemarie inzwischen eine ganze Reihe von Mohn-Köstlichkeiten selbst entwickelt: gewuzelte Mohnnudeln, Mohntorten, Mohnstrudel, Mohneis oder pikante Variationen wie Erdäpfelsuppe mit Mohn oder Waldviertler Karpfen in Mohnpanier stehen immer wieder auf der Speisekarte. In Kursen gibt Rosemarie ihr Kochwissen auch immer wieder an Hobbyköche und Mohnfans weiter, und nach wie vor ist die Leidenschaft für den Mohn ungebrochen. „Die Faszination dieser Pflanze“, erzählt die Mohnwirtin, „lässt mich einfach nicht mehr los!“

Kontakt

Für Waldviertel-Fans und Gourmets ist das Mohndorf Armschlag und der Mohnwirt immer wieder eine fixe Anlaufstelle bei einem Waldviertelaufenthalt: zum Landschaft genießen, gut Essen gehen und natürlich die Mohnvorräte für daheim aufstocken!

Mohndorf Armschlag
3525 Sallingberg
www.mohndorf.at

Text: Wolfgang Gemünd
Bilder: siehe jeweils Fotocredit im Bild

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