Das Dampfross, wie die 109.13 im Volksmund genannt wird

Baden wie die Kaiser

Das elegante Baden bei Wien und seine feinen Gäste: Das warme, heilkräftige Wasser Badens zog nicht nur in der Vergangenheit eine prominente Gästeschar an, es sorgt auch heute noch für eine angeregte Atmosphäre. Eine Spurensuche mit Christine Triebnig-Löffler.

2. April 2018

Lesezeit: 10 Minuten

Wie eine Höhenlinie folgt die Diepolzer Kellergasse der Landschaft

Unter all den Widrigkeiten, mit denen es die römischen Legionäre in der Provinz Pannonia zu tun hatten – Raubtiere, streitsüchtige Barbaren, undurchdringliche Wälder – gehörte das nasskalte Klima zu den gravierendsten. Jupiter sei Dank gab es ein bewährtes Mittel gegen die unfreundliche Witterung: Im kleinen Ort Aquae (zu Deutsch: Bäder!) südlich des Legionslagers Vindobona, dem heutigen Wien, sprudelten heiße Quellen an die Erdoberfläche. Diese wurden von den Römern im dritten Jahrhundert nach Christus in ein Thermalbad eingefasst, das ihnen als wohliges Refugium vor dem ungewohnt kalten Wetter diente. Schön zu wissen, dass die ehemalige Provinz Pannonia – zu der auch der heutige Osten Niederösterreichs zählte – noch immer eine wärmende und wohltuende Zufluchtsstätte bietet: wie einst wird das 36 Grad warme, heilwirkende Schwefelthermalwasser in Aquae in große Becken eingeleitet – nur dass Aquae heute Baden heißt, und die Legionäre Kur- und Sommergästen gewichen sind.

„Die ganze Stadt hat sich rund ums Heilwasser entwickelt.“

Direkt in die Lösswand gegrabene Keller

Die Badenerin mit steirischen Wurzeln führt seit 13 Jahren Besucher durch den Kurort im Wienerwald und versteht es, bei ihren Stadtspaziergängen das enorme Wissen über und die Liebe zu ihrer Wahl-Heimatstadt so zu vermitteln, dass man am liebsten gleich hierher siedeln möchte. „Die ganze Stadt hat sich rund ums Heilwasser entwickelt“, erzählt die Fremdenführerin. „Ohne Heilwasser hätten die Römer hier kein Thermalbad gebaut und Kaiser Friedrich III. Baden im Jahr 1480 nicht zur Stadt erhoben. Im 19. Jahrhundert wären nicht die Habsburger, und mit ihnen Adel, Künstler und wohlhabende Bürger nach Baden gekommen und es wäre heute nicht die Stadt, so wie wir sie kennen und lieben.“


Vom Gelben Gold
14 Schwefelthermalquellen sind es, die mitten im Badener Stadtgebiet das bis zu 36°C warme, sogenannte „Gelbe Gold“ aus rund 1000 Metern Tiefe an die Oberfläche befördern. Unter dem Kurpark führt ein Stollen zur alten Römerquelle, die hier noch immer munter sprudelt. Das Heilwasser wird von hier aus ins Kurzentrum geleitet, wo man es zur äußerlichen Behandlung chronischer Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates verwendet. Trinken kann man das Heilwasser übrigens auch, es soll das Immunsystem stärken. Christine Triebnig-Löffler nimmt sich ein Glas vom Brunnen und trinkt aus, ohne die Miene zu verziehen: „Das Schwefelwasser schmeckt anfänglich... hmm... sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Aber ich kenne viele, die hier regelmäßig vorbeikommen, um ein Glas zu trinken!“

Regenwolken hängen in den Bergen
Im Weberkeller Röschitz dient der Löss als Leinwand für geschnitzte Kunstwerke
Kellergasse Wildendürnbach

„Man traf sich in den Bädern nicht nur, um gesund zu werden, sondern auch um Neuigkeiten auszutauschen und sich zu amüsieren.“

Die Symbiose von Altem und Neuem

Der Hot Spot des thermischen Wohlergehens in Baden ist heute die Römertherme. Die hat zugegebenermaßen nicht mehr sehr viel mit den alten Römern zu tun, gehört dafür aber zu den schönsten Thermalbädern Österreichs und ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich in Baden das Moderne harmonisch ins Alte einfügt. Modern ist in der Römertherme das riesige, 2.450 m² große Glasdach des Hallenbads. Das Alte wird durch das prächtige Hauptgebäude repräsentiert, das die Meisterarchitekten Siccardsburg und Van der Nüll, übrigens die Baumeister der Wiener Staatsoper, geplant haben. Hier war Mitte des 19. Jahrhunderts die sogenannte „Mineralschwimmschule“ untergebracht, heute beherbergt das Hauptgebäude eine moderne Saunalandschaft.

Blick auf Baden

„Man besitzt hier eine lange Tradition, betet aber nicht die Asche an.“

Auf Rosen gebettet

Die Symbiose von Altem und Neuem ist für Christine Triebnig-Löffler ein Hauptcharakteristikum Badens: Das Miteinander von Vergangenheit und Gegenwart finde man oft, erzählt sie im Rosarium; mit 30.000 Rosenstöcken auf 75.000 m² Österreichs größter Rosengarten. Der blühende Park wurde erst 1969 eröffnet und ist weit mehr als ein Lustgarten. Es zeigt den Stammbaum der Rosen, historische Stöcke und neue Züchtungen, gibt einen Überblick über die in Österreich gedeihenden Rosengewächse und fungiert schließlich als Prüfgarten für Rosenzüchter. Das Vorbild für den Rosengarten stammt aus der eigenen Stadt: Im Park von Schloss Weilburg, der Sommerresidenz des Erzherzog Albrecht, zählte man Mitte des 19. Jahrhunderts unglaubliche 1.800 Rosenarten. Die Rose wird in Baden aber nicht nur im Rosarium in Ehren gehalten, sondern treibt auch weitere Blüten: Beispielsweise im ehrwürdigen Cafè Clementine, wo das beliebte Rosentörtchen erfunden wurde, eine aus Trüffelmousse, Rosen und Schokolade komponierte Liebeserklärung an die Stadt. Weitere süße Anlaufstellen, an denen Naschkatzen in Baden nicht vorbeikommen: die Konditorei Gasser im Kaiserhaus, wo man in der alten Hofbackstube unter anderem die Beethoven-Pralinen herstellt; oder die zartherbe Badener Spezialität – die Kaffeebonbons, die von verschiedenen Konditoreien hergestellt und immer noch händisch ins rosa Papier eingewickelt werden.

Regenwolken hängen in den Bergen
Kellergasse Wildendürnbach

„Ich liebe das Rosarium: Die vielen verborgenen Winkel und Plätze, und die tausenden betörenden Rosen, die Auge wie Nase gleichermaßen erfreuen."

Die kaiserliche Biedermeierstadt

Wohin man in Baden auch blickt, überall sieht man prachtvolle Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Das Glück, über ein so geschlossenes Architekturensemble zu verfügen, entsprang eigentlich einem Unglück: 1812 zerstörte ein Stadtbrand den Großteil der Bausubstanz in der Innenstadt. Diese musste wieder aufgebaut werden, und weil in Baden der Adel und das Geld zuhause waren, konnte man sich die besten Architekten der Zeit wie Carl von Moreau, Josef Kornhäusel und später auch Otto Wagner leisten. Nach Baden gelockt wurden Geld und Adel einerseits durch das Heilwasser, andererseits durch das Kaiserhaus. Schon Maria Theresia war des Öfteren Gast in Baden. Von 1804 bis 1834, als Kaiser Franz I. und sein Hofstaat jeden Sommer im Kurort verbrachten, war Baden für einige Monate im Jahr sogar die heimliche Hauptstadt des Kaiserreiches. Der Kaiser erwarb nach dem großen Brand 1812 ein bescheidenes Haus am Hauptplatz 17, das heutige Kaiserhaus.

Wie der Kaiser in seiner Sommerresidenz so den Tag verbrachte? Ein bisserl regieren, viel spazieren gehen, hin und wieder musizieren und vor allem... reichlich baden! „Ins nobelste Bad natürlich“, verrät Christine Triebnig-Löffler wo man den Kaiser denn antraf, „und das war damals das Frauenbad. Das Bad hieß nicht etwa so, weil hier nur Frauen baden durften, sondern weil es an Stelle der 1811 abgerissenen Frauenkirche errichtet wurde.“ Heute beherbergt der klassizistische Bau das Arnulf Rainer Museum: In wechselnden Ausstellungen wird hier das Werk des Malers, im Übrigen ein Sohn der Stadt, monographisch sowie im Dialog mit Zeitgenossen und Weggefährten wie Georg Baselitz, Mario Merz, Damien Hirst und Markus Lüpertz gezeigt. „Der heutige Kunsttempel ist trotzdem noch eindeutig als einstiger Badetempel zu erkennen!“

Blick auf Baden

„Ganz besonders reizvoll ist wie gelungen die Teile des alten Bades – die Becken, die Kabinen oder das Foyer – in die Ausstellungen integriert werden."

Der faule Herr Beethoven

„Niemals hätte ich gedacht, dass ich jemals so faul sein könnte, wie ich es hier bin.“ Der das sagte, war niemand anderer als Ludwig van Beethoven, der insgesamt 17 Mal in der Kurstadt Baden zu Gast war und hier keineswegs auf der faulen Haut lag. Er soll ein besonders fleißiger Spaziergänger gewesen sein und sich der guten Küche und dem Wein der Stadt gewidmet haben. Kein Wunder, dass ihn dabei auch die eine oder andere musikalische Idee anflog, so schrieb er in Baden Teile seiner weltberühmten 9. Symphonie, die heute als offizielle Europahymne gilt. Die Stadt ehrt den Komponisten mit einem Museum im Beethovenhaus in der Rathausgasse 10, wo der Meister drei Sommer lang wohnte, und mit dem Beethoventempel, der über dem prächtigen Kurpark thront. Auch Wolfgang Amadeus Mozart besuchte in Baden seine hier zur Behandlung weilende Gattin und komponierte im Haus „Zum Blumenstock“ in der Renngasse das „Ave Verum Corpus“, das hier auch in der Stadtpfarrkirche uraufgeführt wurde. „Mozarts Briefe an seine Gattin“, sagt unsere belesene Führerin „zeigen, dass er Baden wirklich gut gekannt hat. Man kann sie sogar als historische Quellen heranziehen! Auch die ganz Großen der Operette und des Walzers – Joseph Lanner, Johann Strauß Vater, Franz Lehar, Karl Millöcker und Carl Michael Ziehrer wirkten in Baden und werden noch heute im Badener Stadttheater und in der Sommerarena regelmäßig aufgeführt.“

Einfachste Formen mit den einfachsten Materialien

„Was nur wenige wissen: Baden war in der Zwischenkriegszeit mit ca. 2.400 Angehörigen nach Wien und Graz die drittgrößte jüdische Gemeinde Österreichs."

Das jüdische Baden

Heute ist Baden die einzige aktive jüdische Gemeinde in Niederösterreich. Die gleich hinter dem Kaiserhaus befindliche Synagoge wurde 1873 errichtet und 2005 durch einen sehr schönen Neubau ersetzt, der 75 Männer- und 40 Frauensitzplätze umfasst. Zahlreiche jüdische Künstler – wie Hugo Bettauer, Max Reinhardt, Jura Soyfer oder Hugo Wiener – wurden in Baden geboren oder lebten hier. Vor allem aber zog die mondäne Kurstadt auch viele finanzkräftige Gäste mosaischen Glaubens an, die die Lebensgrundlage für viele Betriebe – koschere Geschäfte, Restaurants und Hotels – waren und die sich in Baden auch prachtvolle Sommersitze errichten ließen, wie z. B. die Bankiers Gustav Ritter von Epstein und Samuel von Hahn. Man traf hier aber auch auf Unternehmer wie Adolf Ignaz Mautner von Markhof, Wilhelm von Gutmann oder Emil Jellinek, dessen Tochter Mercedes nicht nur der Villa in Baden, sondern auch den Automobilen von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach den Namen gab.

Heurigenstimmung in der Kellergasse Falkenstein

„Das heutige Baden ist einerseits sehr urban und gleichzeitig sehr ländlich“, meint Fr. Triebnig-Löffler, die genau diesen vermeintlichen Widerspruch an ihrer Heimatstadt besonders reizvoll findet. Und wo befinden sich in Baden ihre drei Lieblingsplätze? „Sehr gerne bin ich am Bellevue-Platz oberhalb des Beethoven-Tempels. Der Blick von dort oben auf die Stadt hinunter lässt mich fühlen, wo ich zuhause bin.“ Der zweite Ort ist das Cafè Central am Hauptplatz: „Ein sehr belebter Platz, aber dennoch ganz nahe dem ruhigen, grünen Bereich des Kurparks. Hier spüre ich das Hier und Heute, aber auch die Geschichte der Stadt.“ Ihr dritter Lieblingsplatz schließlich ist das Rosarium. „Hier nehme ich besonders intensiv das Leben mit seinen Veränderungen und die Natur in ihrer Vielfalt wahr. Ein sehr idyllischer Ort, der mich immer wieder stärkt und inspiriert!“

Kontakt

Christine Triebnig-Löffler arbeitet als staatlich geprüfte Fremdenführerin u.A. in Baden und dem Wienerwald. Ihre Führungen nennen sich etwa „Jüdische Stadtspaziergänge“, „Rosenduft-Spaziergänge im Rosarium“ oder „Verliebt in Baden“. Außerdem bietet Sie Führungen im Beethovenhaus, dem Kaiserhaus und dem Arnulf Rainer Museum an.

Dr. Christine Triebnig-Löffler
Sandwirtg. 23
2500 Baden bei Wien
Tel: +43 664 2835755
christine@your-austriaguide.at

Text: Wolfgang Gemünd
Fotos: Manfred Horvath, außer historische Aufnahmen (c) Stadtarchiv Baden

mehr entdecken

Führungen
Wo die Fäden zusammenlaufen
Eine große Portion Idealismus, gepaart mit einer Brise Verrücktheit reichen manchmal aus, um gewisse Dinge am Laufen zu halten. Wie die Maschinen der ältesten Frottierweberei Österreichs Wirtex. Seit sechs Jahren halten Rudolf und Monika Strobl die Fäden hier zusammen und haben dem Betrieb neues Leben eingehaucht.
Führungen
Liebe, die gewachsen ist
„Natur im Garten“ ist quasi genauso alt wie der Garten der Webers. Ökologisches Gärtnern ohne Kunstdünger, Pestizide und Torf steht von Anbeginn im Mittelpunkt der Bewegung, die sich heute in ganz Niederösterreich über zahlreiche Anhänger freut.